Böll reloaded!

Eine Einladung den literarischen Spuren des Literatur- nobelpreisträgers Heinrich Böll zu folgen und mit #böllentdecken ins Netz zu tragen. Von Michael Stacheder



„Im Krieg sechs Jahre Soldat.“ Die biografische Notiz in den neusten Taschenbuchausgaben von Heinrich Böll streicht den wohl prägendsten Lebensabschnitt des Literaturnobelpreisträgers von 1972 mit lapidaren Worten zusammen. Was es bedeutet, „im Krieg sechs Jahre Soldat“ gewesen zu sein, ist für die meisten von uns heute nur schwer vorstellbar. Die Kriege der Gegenwart sind weit weg. Trotz der Bilder und Nachrichten, die uns in Echtzeit auf die Smartphones  und Tablets gespült werden, sind die Ausmaße „Krieg“ kaum greifbar und für uns Westeuropäer nur im Ansatz zu erahnen. 

Die eindringliche Mahnung Heinrich Bölls „Denkt dran, Kinder: Nie wieder Krieg!“ umkreist und verbindet 75 Jahre nach der Befreiung Europas vom Nationalsozialismus die einzelnen Veranstaltungen unserer Max-Mannheimer-Kulturtage, die 2020 bereits zum dritten Mal in Folge stattfinden. Die Worte Bölls mögen heute angesichts der immerwährenden Krisenherde und Kriege auf dieser Welt hilflos erscheinen und ohne jegliche Wirkung verhallen, dennoch sollten wir sie uns als Zivilgesellschaft immer wieder  in Erinnerung rufen. Das Einstehen für eine friedlich zusammenlebende Gesellschaft beginnt bereits vor unserer Haustür. Angesichts von Antisemitismus, Rassismus, Hass und Hetze, die seit Jahren unsere gesellschaftliche Ordnung gefährden und zunehmend unser demokratisches Miteinander bedrohen, dürfen wir nicht Schweigen und dabei tatenlos zusehen, wie unsere Demokratie missbraucht wird, für rechtsnationale Hetze und menschenverachtende Parolen. Wohin Schweigen, Verdrängung und Verharmlosung führen können, hat die Generation eines Max Mannheimer oder Heinrich Böll auf das Schmerzlichste erfahren müssen. 

Heinrich Bölls Briefe aus dem Krieg – Wichtiges Vermächtnis für spätere Generationen

Heinrich Böll war als junger Mann im Krieg. Ihn hat das Miterleben des Krieges nicht nur geprägt, wie es bis heute abkommandierte Soldatinnen und Soldaten in ihrem weiteren Leben beeinflusst, sondern es führte vielmehr zu einer Analyse des eigenen Ichs und zur reflektierenden Selbsterkenntnis des jungen Soldaten Heinrich Böll. „Ich habe das Herz eines Künstlers, wenn es auch tief verschüttet ist … tief, tief …“. Diese wahrnehmenden Zeilen vom 2. Januar 1942 an seine Freundin und spätere Ehefrau Annemarie Cech sind uns in seinem wohl bedeutendsten autobiografischen Dokument erhalten geblieben, den Briefen aus dem Krieg, die er ab Spätsommer 1939 seinen Angehörigen schrieb. Die Lektüre dieser persönlichen Aufzeichnungen Heinrich Bölls, die erst 16 Jahre nach seinem Tod veröffentlicht wurden, zeigt uns ein offenherziges Suchen und Ringen auf seinem Weg zu sich und in seiner Entwicklung zum Berufsziel Schriftsteller. Gerade die Briefe, die Heinrich Böll seiner Ehefrau Annemarie zwischen 1940 und 1945 von seinen Kriegsetappen in Polen, Frankreich, Russland und auf der Krim schickte, stellen ein fesselndes Zeugnis des unmittelbar Erlebten, seiner Gedanken und Empfindungen dar.

Neben den Aufzeichnungen und Tagebüchern von Victor Klemperer bilden sie heute ein wichtiges Vermächtnis, für die späteren Generationen. „Ich glaube, ich habe den Auftrag, allen Menschen eindringlich zu sagen, dass es nichts so Geheimnisvolles, nichts so Verehrungswürdiges gibt wie das Leid.“, so Heinrich Böll am 12.2.1941 an Annemarie Cech. Ralf Schnell schreibt in seinem 2017 erschienen Buch Heinrich Böll und die Deutschen über die Bedeutung der Kriegsbriefe: „Mit Recht hat man Bölls Briefe aus dem Krieg als „tragende Säulen seines Gesamtwerks (Volker Neuhaus) bezeichnet. Zahlreiche der Elemente, die den Schriftsteller und den öffentlichen Intellektuellen auszeichnen, die sein Denken und seine Sprache, sein Verhältnis zur Kunst und zur Gesellschaft, seine Interventionsbereitschaft und sein Engagement charakterisieren, sind durch seine Entwicklung zwischen 1939 und 1945 bestimmt.“  Die Briefe aus dem Krieg bilden den Ausgangspunkt und das Zentrum unserer Beschäftigung mit Leben und Werk Heinrich Bölls während den Max-Mannheimer-Kulturtagen 2020.

Der Schriftsteller Heinrich Böll. (Foto: © Ullstein-Bild, Sven Simon)

Böll reloaded!

Was hat uns Heinrich Böll, 35 Jahre nach seinem Tod, heute noch zu erzählen? Welche zeitlosen Botschaften entdecken wir 2020 in seinen Texten wie Der Zug war pünktlich, seiner ersten Buchveröffentlichung, oder Und sagte kein einziges Wort? Inspiriert von der Landschaft der Eifel, dem Schauplatz der Ausstellung Im Krieg sagtest du einmal … des belgischen Fotokünstlers Eddie Bonesire, möchten wir uns zusammen mit Euch auf Entdeckungsreise durch das Leben und Werk Heinrich Bölls begeben. 

Die vor ein paar Jahren von Eddie Bonesire in Fotoalben entdeckten Fotografien einer Eifeler Bauernfamilie bilden den Ausgangspunkt unserer Spurensuche. Die intensiven Bilder dokumentieren, wie der Krieg in den Alltag eingreift und Ängste und Nöte mit sich bringt, aber auch den Überlebenswillen der Menschen in der Eifel provoziert. Sind wir dem Einen oder Anderen nicht schon einmal begegnet, in einer der zahlreichen Erzählungen Heinrich Bölls der Nachkriegszeit? Ist das nicht dort der Wanderer aus Spa? Dort, das schüchtern lächelnde Kind, hat es nicht bei Böll auf dem Trümmerhaufen seine Spiele gespielt? Die Soldaten, deren unsicherer Blick die Kamera eingefangen hat oder die Braut, die auf der schwarzweiß Fotografie ihren Brautstrauss fest umklammert, um nicht ins Ungewisse zu fallen. Fast scheint es, als versammelt sich das Böllsche-Personal auf den Eifel-Fotografien, um für eine kurze Momentaufnahme die zerklüfteten Seelenlandschaften der Kriegsgeneration zum Leben zu erwecken. 

Anknüpfend an Eddie Bonesire, der die alten Bilder mit Fotografien ergänzte, die er in den vergangenen Jahren in der Eifel aufgenommen hat und diese mit eigenen Gedichten sowie Texten von Lysias, Hermann Michels, Natasha Radojčić und Heinrich Böll konfrontierte, um das Universale und Zeitlose der menschlichen Erfahrungen zu betonen, möchten wir Heinrich Böll in unseren (Seelen) Landschaften neu entdecken. Wir meinen, es ist wieder Zeit für Böll. Für mehr Böll in unseren Regalen, in unseren Gesprächen und Diskussionen. Für mehr Böll im Netz! Böll reloaded!  

#böllentdecken – Let’s stage Heinrich Böll!

Wer war dieser Heinrich Böll?  Nein, der „gute Mensch von Köln“ war er gewiss nicht und auch nicht das „Gewissen der Nation“. Viele Bezeichnungen und Klischees tauchen auf, wenn von Heinrich Böll, seinem Leben und Werk, die Rede ist. Daher: entdecken wir unseren Böll! Wo finden wir ihn heute, in unseren Städten und Dörfern? Existieren sie noch, seine so treffend beschriebenen Milieus der kleinen Leute? Und falls ja, wo? Ist seine Literatur nicht fest verortet im kleinbürgerlichen Milieu Kölns der Nachkriegszeit? Ist er daher völlig überholt und out? Finden wir es heraus. Wo lauert es, das Spießertum unseres digitalen Zeitalters, die wuchernden Biotope rückwärtsgewandten Denkens? Was hat sich verändert in 75 Jahren nach der Befreiung? Wie aktuell sind die Erzählungen, Romane, Reden und Schriften Heinrich Bölls 2020? Bringen wir sie in Konfrontation mit Bildern unserer Gegenwart. Setzen wir Böll in Szene! 

Wir laden Euch ein, mit #böllentdecken bei den Max-Mannheimer-Kulturtagen 2020 mit dabei zu sein. Mit #böllentdecken begleiten wir die Kulturtage und sammeln mit dem Hashtag bis zum 16. Februar 2020 auf allen unseren Social-Media-Kanälen (Instagram, Facebook und Twitter) Eure Bilder, Gedanken und Szenen zu Heinrich Böll:

Welches ist Euer Böll-Liebling? Lasst es uns wissen. Welches Werk hat Euch beim Lesen aufgerüttelt und fasziniert Euch bis heute? Welche Erzählung, Rede oder Roman hat Euch berührt und zum Denken angeregt? Welchen Böll-Titel muss man auf alle Fälle gelesen haben? Lasst Euch von Eurem Böll inspirieren! Erzählt uns Eure Böll-Geschichte. Entdeckt in Stadt und Land Schauplätze für Euren Lieblings-Böll. Inszeniert Böll! Schnappt Euch Euer Smartphone, knipst die Böll-Szene oder den Schauplatz und postet das Bild zusammen mit dem Hashtag #böllentdecken und dem dazugehörigen Böll-Zitat auf Instagram, Facebook und Twitter. Natürlich freuen wir uns auch über abfotografierte Skizzen, Malereien, Skulpturen, Collagen usw. Alles was zählt ist die Inspiration.

Wir freuen uns natürlich auch über Eure Blogbeiträge, die wir hier gerne mit verlinken und sammeln:

Anke von Heyl Meine Heinrich-Böll-Momente (2017)
Susanne Schneider Böll entdecken! (2020)

Ein erster Versuch unsererseits: Wozu ein ausrangierter Christbaum am Ende seines Daseins noch zu gebrauchen ist, frei nach dem Motto: „Nicht nur zur Weihnachtszeit“! Sicherlich habt ihr noch bessere Ideen, den Böll zu inszenieren. Wir warten gespannt!

… und jetzt: #böllentdecken!

3 comments Add yours
  1. Eine wunderbare Erinnerung und Mahnung zugleich! Briefe sind Dokumente der Wahrhaftigkeit und auch der Verzweiflung, der Einsamkeit. Ebenso der Liebe zu denen daheim und der Liebe zu den wichtigsten Nächsten. Sie verdeutlichen zutiefst innere Not und Warten, Hoffnung auf ein Ende des Krieges. Böll thematisierte diese Verzweiflung, die der Situation geschuldet war, immer wieder, auch in seinen Nachkriegsromanen, eindringlich und schamlos. Vielen Dank für die Erinnerung an diese Dokumente. Sie sind leider zeitlos, weil es immer wieder und immer noch Krieg gibt.

  2. Sehr schön, diese Aktion! Und ich freue mich, dass mein Blogbeitrag zu Böll hier noch einmal Sinn macht. Die Wirkung des Schriftstellers geht weit über seine rheinische Heimat hinaus. Deswegen bin ich so gespannt, was aus anderen Ecken Deutschlands in die Aktion hineingebracht wird.

    Herzliche Grüße aus Frechen bei Köln
    Anke

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

16 − 1 =