Erinnern heißt Haltung zeigen

Die Max-Mannheimer-Kulturtage Bad Aibling 2020 starten mit vielfältigen Programm. Von Michael Stacheder


Ein bewegendes Eröffnungswochenende liegt hinter uns. Die Max-Mannheimer-Kulturtage Bad Aibling wurden am vergangenen Freitag bereits zum dritten Mal eröffnet. „So wichtig wie heute war die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, an die Verfolgung der Juden und Holocaust, noch nie“, betonte Bürgermeister Felix Schwaller bei der Begrüßung der zahlreichen Besucher des Eröffnungsabends im Rathaus von Bad Aibling.

Anlässlich seines 100. Geburtstags am 6. Februar 2020 erinnerten wir bei der Eröffnung noch einmal im Besonderen an Max Mannheimer, dessen Name für die Kulturtage Verpflichtung und Auftrag zugleich ist. Die Münchner Filmemacherin Carolin Otto begleitete Max Mannheimer bei seiner ersten Wiederbegegnung mit Auschwitz Anfang der 1990er Jahre und bei seinen Besuchen in Schulen und zu Zeitzeugengesprächen, die er bis zu seinem Tod 2016 führte. Aus dem vorhandenen Filmmaterial entstand Der weiße Rabe, ein Film voller Empathie, der uns den Menschen Max Mannheimer ganz nah kommen lässt, mit seinen Erinnerungen, seiner Trauer und seiner unglaublichen lebensbejahenden Persönlichkeit.

Max Mannheimer (1920-2016), Überlebender der Shoah. Nach seinem Namen wurden die Bad Aiblinger „Kulturtage des Erinnerns“ benannt. (Foto: Eva Faessler)

Kunstverein Bad Aibling zeigt die Ausstellung
„Im Krieg sagtest Du einmal …“

Die sehenswerte Ausstellung Im Krieg sagtest Du einmal … des belgischen Fotokünstlers und Autors Eddie Bonesire, die der Kunstverein Bad Aibling im Rahmen der Max-Mannheimer-Kulturtage zeigt, bildet in diesem Jahr den Raum für viele Assoziationen und persönliche Geschichten der Besucher. Bereits am ersten Ausstellungswochenende lockten die Fotografien, die Eddie Bonesire in alten Fotoalben einer Familie aus der Eifel gefunden, zahlreiche Besucher in die Galerie Altes Feuerwehrgerätehaus. In Beziehung gesetzt mit heutigen Landschaftsaufnahmen der Eifel und Zitaten von Autoren wie Heinrich Böll sowie eigenen Textpassagen schafft Eddie Bonesire poetische wie verstörende Seelenlandschaften von Krieg, Familie und Heimat. Mit diesen intensiven Eindrücken machten sich noch einige Besucher der Vernissage am späten Abend auf, um der Einladung der katholischen Stadtkirche für ein stilles Innehalten, einem Nachtgebet zu folgen.

Impressionen von der Vernissage Im Krieg sagtest Du einmal … in der Galerie Altes Feuerwehrgerätehaus des Kunstvereins Bad Aibling. (Foto: Michael Stacheder)

Heute am Holocaust Memorial Day, dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, erinnern wir uns insbesondere an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau vor 75 Jahren, in welchem zwischen 1940 und 1945 bis zu 1,5 Millionen Menschen ermordet wurden. Die „Tötungsfabrik“ Auschwitz wurde zum Symbol für den Holocaust der Nationalsozialisten.

In meiner Rede am vergangenen Freitag zur Eröffnung der Max-Mannheimer-Kulturtage Bad Aibling versuchte ich herauszustellen, wie wichtig ein starkes zivilgesellschaftliches Engagement für ein lebendiges „Miteinander Erinnern“ ist. Der Stadt Bad Aibling sei an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich gedankt, die dieses wichtige Engagement zahlreicher Bürgerinnen und Bürger in diesem Jahr erstmals mit einer finanziellen Förderung unterstützt. „Miteinander Erinnern“ fordert uns als Zivilgesellschaft auf, Haltung einzunehmen, gegenüber Antisemitismus, Rassismus, Hass und Hetze. Hier in Auszügen meine Rede vom Eröffnungsabend am 24. Januar 2020 im Rathaus von Bad Aibling:

Erinnern heißt Haltung zeigen

„Es könnte eine Zeit kommen, in der es als politisch nicht mehr opportun gilt, den Verbrechen der Vergangenheit jene Namen zu geben, die ihnen gebühren; erst dann werden wir beweisen können, wieviel uns die Freiheit wert ist.“ Dieses Zitat des Literaturnobelpreisträgers Heinrich Böll stammt aus seiner Rede „Der Preis der Versöhnung“, von 1959, die mit folgenden Worten einsetzte: 

„In einer Stunde wie dieser, die der Erinnerung an die Opfer der Judenverfolgung gewidmet ist, betreten wir einen unheimlichen Raum. In diesem Raum reicht die Sprache nicht aus, und so ist alles, was ich sage, zur Hilflosigkeit verdammt, zur Unzulänglichkeit; in diesem Raum reichen auch Empfindungen wie Scham und Reue nicht aus, Trauer und Schmerz, füllen ihn nicht. Es bleibt ein Rest. Was in Auschwitz geschah, an den anderen großen Vernichtungsstätten, ist nicht faßbar; selbst für die nicht faßbar, die Augenzeugen gewesen, der Vernichtung entronnen sind und das schreckliche Geheimnis weiterzugeben, zu erklären versuchten.“ 

Wenn wir am kommenden Montag, zum 75. Mal der Befreiung der Konzentrationslager von Auschwitz und Birkenau gedenken, an die Millionen Opfer des Holocaust und der Shoah, bleibt es Generationen später immer noch unfassbar. Der Raum ist nicht zu füllen. 

Aber in unserer Zeit, in der sich „die bösen Geister in neuem Gewand zeigen“, so wie es gestern Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Rede in der Gedenkstätte von Yad Vashem betonte, ist es nötig die Fassungslosigkeit zu überwinden und den unheimlichen, dunklen Raum mit vielen lauten Stimmen zu füllen und zu erhellen. Den bösen Dämonen, die ihr (Zitat Herr Steinmeier) „antisemitisches, ihr völkisches, ihr autoritäres Denken als Antwort für die Zukunft, als neue Lösung für die Probleme unserer Zeit präsentieren“, müssen wir als Zivilgesellschaft des 21. Jahrhunderts eine Botschaft entgegensetzen, mutig und laut: In einer freien, demokratischen und liberalen Gesellschaft, in der die Kulturen friedlich zusammenleben wollen, haben Antisemitismus, Rassismus, Homophobie, Hass und Hetze keinen Platz. Sie vergiften unser Zusammenleben und bedrohen unsere demokratischen Werte und attakieren unsere Verfassung. 

Diese Verantwortung tragen wir gegenüber den Überlebenden des Holocaust wie Max Mannheimer und Zeitzeugen des Krieges wie Heinrich Böll, der mit seinem literarischen Werk die diesjährigen Kulturtage begleiten, bereichern und inspirieren wird. Mannheimer und Böll. Eine Generation, zwei Biografien, eine Botschaft: Nie wieder! 

Es darf keinen Schlussstrich unter dem Erinnern geben. Unsere Gesellschaft benötigt mehr denn je eine lebendige Erinnerungskultur, um mit den vielfältigsten Projekten und Ideen zum Bewahren der Erinnerung an den Holocaust beizutragen. Die so wichtigen und stillen Denkmäler des Erinnerns, wie Stolpersteine oder die Benennung von Straßen nach Opfern des Nationalsozialismus und des Widerstands, reichen leider längst nicht mehr aus. Vielmehr verlangt das Erinnern von heute nach einer klaren und entschiedenen Haltung eines jeden Einzelnen von uns, gegen Antisemitismus, Rassismus, Hass und Hetze.“

„Wenn jeder wartet, bis der Andere anfängt …“, – so ein Zitat aus dem I. Flugblatt des Münchner Widerstandskreises „Die Weißen Rose“ um Alexander Schmorell und Hans Scholl – ist es am Ende vielleicht zu spät. Wir müssen eine entschiedene Haltung einnehmen. Vielleicht noch klarer, lauter und deutlicher, als wir das in der Vergangenheit bereits getan haben. 

Wenn wir in wenigen Wochen an die Wahlurnen gerufen werden, um unsere Stimmen bei den anstehenden Kommunalwahlen abzugeben, sollten wir ganz genau hinsehen, wem wir da unser Vertrauen schenken, wem wir die Verantwortung für unsere Stadt, für unsere Kommunen und für unseren Landkreis übertragen. Lassen wir es nicht zu, dass eine rechtsnationale Gesinnung, eine Sprache aus Hass und Hetze Einzug hält in unsere stadt- und kommunalpolitischen Räume. 

Auch müssen wir uns überlegen, ob wir es weiter verantworten können, dass unter dem Schutzschild der freien Meinungsäußerung diffamierende Volksverhetzung auf unseren öffentlichen Plätzen betrieben werden darf. Hier sehe ich eine große Verantwortung bei den Verwaltungen, Gerichten und Behörden. Vielleicht bedarf es gar keine Verschärfungen der Gesetze, sondern eine konsequente Anwendung der Vorhandenen. 

Wir als Zivilgesellschaft tragen die Verantwortung für unsere Zukunft und der nachfolgenden Generationen. „Ihr seid nicht schuld, an dem, was war, aber verantwortlich dafür, dass es nicht mehr geschieht.“, so der eindringliche Appell Max Mannheimers, dem wir heute diesen Abend zu seinem 100. Geburtstag am 6. Februar widmen möchten. Seine Aufforderung ist uns, den Organisatoren und Veranstaltern der nach ihm benannten Kulturtage, Verpflichtung und Auftrag. 

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. 

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