Gegen das Vergessen

Eine Lesung, die junge Menschen erreicht

Mit seiner Lesung „Wir Kinder des 20. Juli“ hat Tim Pröse am Vormittag im großen Rathaussaal Bad Aibling eindrucksvoll gezeigt, wie lebendige Erinnerungskultur insbesondere junge Menschen erreichen kann. Die Veranstaltung richtete sich gezielt an Schulklassen und wurde damit bewusst als Bildungs- und Erinnerungsformat für Schüler:innen konzipiert.

Neben einigen interessierten Erwachsenen, die ebenfalls zuhörten, standen klar die Jugendlichen im Mittelpunkt. Gerade diese Fokussierung erwies sich als besondere Stärke des Vormittags: Die jungen Zuhörer*innen ließen sich sichtbar berühren, stellten Fragen, hörten aufmerksam zu – und wurden emotional wie gedanklich erreicht.

Eine Zeitreise, die unter die Haut geht

Tim Pröse nahm die Schüler:innen mit auf eine hypothetische Zeitreise: Was wäre mit euch vor 80 Jahren passiert? Mit eindringlichen Bildern machte er erfahrbar, wie schnell Jugendliche im Nationalsozialismus vereinnahmt wurden: Militärfahrzeuge in den Straßen, der Ruf nach „deutschen Helden“, freiwillige Meldungen, der Weg in die Kaserne – und wenige Wochen später die Nachricht an die Eltern vom „Heldentod für den Führer“.

Die Wirkung auf das junge Publikum war unmittelbar. Der Saal wurde still. Betretenes Schweigen zeigte, wie nah diese Erzählung den Schüler:innen ging.
Besonders erschütternd war die Schilderung des Schicksals jüdischer Familien: vom Abholen aus den Wohnungen bis zur Ermordung in Auschwitz. Ein einziges Geräusch wurde dabei zum Symbol des Grauens: Tim Pröse ließ seine Fingernägel über das Mikrofon kratzen – stellvertretend für das Kratzen der Menschen in den Gaskammern an den Wänden im letzten Todeskampf. Ein Moment, der körperlich spürbar war und sich tief einprägte.

Haltung statt Wegschauen

Immer wieder machte Pröse deutlich: Es gehe nicht darum, Helden zu sein. Aber darum, nicht wegzuschauen. Einzugreifen. Verantwortung zu übernehmen. Diese Botschaft richtete sich bewusst an die jungen Zuhörer:innen und zog sich als klare Haltung durch die gesamte Lesung.

IIn der letzten großen Zeitreise führte Tim Pröse in den 20. Juli 1944. Er schilderte das gescheiterte Attentat auf Hitler, die Planung durch Claus Schenk Graf von Stauffenberg und die unmittelbaren, grausamen Folgen für die Beteiligten und ihre Familien. Diese historische Erzählung verband er mit seiner eigenen Recherchearbeit zu den Kindern der Attentäter – jenen, die den Preis des Widerstands ein Leben lang mittragen mussten.

Aus diesen Begegnungen zitierte Pröse eindrücklich. So berichtete er von einem Gespräch mit Berthold Schenk Graf von Stauffenberg, dem Sohn des Attentäters, der heute über 90 Jahre alt ist und zur Zeit des Umsturzversuchs zehn Jahre zählte. Auf die Frage, ob er glaube, seinen Vater eines Tages wiederzusehen, habe dieser geantwortet: Ja – und ich habe eine große Sehnsucht danach. Ein Satz, der den Schüler:innen die menschliche Dimension des Widerstands unmittelbar vor Augen führte.

Auch das Schicksal der hingerichteten Widerstandskämpfer machte Pröse deutlich: Ihre Asche wurde vom NS-Regime in alle Himmelsrichtungen verstreut, bewusst ohne Grab und ohne Ort des Gedenkens. Dass sich die Kinder der Attentäter bis heute einmal im Jahr im Hinrichtungsraum der Justizvollzugsanstalt Berlin-Plötzensee treffen, um gemeinsam zu erinnern, zeigte eindrucksvoll, wie Erinnerung über Generationen hinweg lebendig bleibt – als stilles, aber beharrliches Gegenbild zum Vergessen.

Brücke in die Gegenwart – und ein Auftrag an die Jugend

Bewusst schlug Tim Pröse den Bogen in die heutige Zeit und erinnerte an Alexei Nawalny, der für seinen Widerstand gegen ein autoritäres Regime mit dem Leben bezahlte. Geschichte, so die klare Botschaft, ist nicht vorbei – sie stellt jede Generation neu vor die Frage nach Haltung und Verantwortung.

Sein Appell richtete sich direkt an die Schüler:innen: Tragt die Flamme weiter. Die Flamme von Max Mannheimer, von Graf Stauffenberg und von all jenen, die nicht geschwiegen haben.

Nachhaltige Wirkung

In der anschließenden Fragerunde zeigte sich, wie stark die Lesung gerade bei den jungen Menschen nachwirkte. Die Schüler*innen stellten viele, teils sehr persönliche Fragen, die Tim Pröse offen und zugewandt beantwortete.

Diese Vormittagsveranstaltung hat eindrucksvoll gezeigt, welchen Wert solche Formate für die politische Bildung und Erinnerungskultur haben: Wenn Jugendliche nicht belehrt, sondern ernst genommen und emotional erreicht werden, entsteht nachhaltiges Verständnis für Demokratie, Menschlichkeit und Zivilcourage – heute und für die Zukunft.