Ein Abend im Rahmen der Max-Mannheimer-Kulturtage 2026
Schon im Vorfeld zeigte sich anhand der zahlrechen Reservierungen ein sehr großes Interesse an der Veranstaltung „Bad Aibling im Nationalsozialismus“ im Rahmen der Max-Mannheimer-Kulturtage 2026. Der Gemeindesaal der Evangelischen Kirche in Bad Aibling war bis auf den letzten Platz besetzt. Begrüßt wurden die Gäste von Irene Durukan (Mut und Courage), Felix Schwaller (Historischer Verein Bad Aibling und Umgebung) sowie Michael Beer für die Max Mannheimer Kulturtage. Der Historische Verein konnte an diesem Abend Band 24 der heimatkundlichen Zeitschrift „Der Mangfallgau“ vorstellen. Die Gesamtleitung, die Gestaltung des Layouts und die Zusammenstellung der Artikel leitete wiederum Manfred Schaulies. Der Band kann im Heimatmuseum an den Öffnungstagen des Archivs (Montag, Dienstag 10.00-12.00, 13.00-16.00) erworben werden, für Mitglieder des Vereins umsonst.
Im Mittelpunkt des Abends standen zwei Themen, die exemplarisch zeigen, wie Nationalsozialismus auf kommunaler Ebene wirkte – und welche konkreten Schicksale sich dahinter verbergen. Alfred Breisl konnte krankheitsbedingt nicht an dem Abend teilnehmen, so dass Anneliese Wittkowski die Vorstellung der Person des Bürgermeisters Alfred Bastianelli übernahm. Michael Beer erklärte sich dankenswerter Weise bereit, ausgewählte Texte vorzutragen. August Bastianelli, geboren 1892, verbrachte seine Jugend in Rosenheim und lebte seit 1921 in Bad Aibling. Geprägt von der Enttäuschung über den verlorenen Ersten Weltkrieg, nationalem Elend und dem Gefühl, dass „die kleinen Leute“ zu den Verlierern gehörten, trat er 1929 der NSDAP bei und engagierte sich von Anfang an sehr aktiv in der Ortsgruppe der Partei. Am 1. Januar 1936 wurde er zunächst kommissarisch, dann ab 1938 offiziell Bürgermeister der Stadt – ein Amt, das er bis zum Kriegsende innehatte.
Anneliese Wittkowski war es ein Anliegen, der Frage nachzugehen, warum Bastianelli, sehr gut ausgebildet und als Mitarbeiter der Sparkasse Bad Aibling ab 1924 bestens mit den Sorgen und Nöten der sog. einfachen Leute vertraut, gleichzeitig ein äußerst engagierter und überzeugter Nationalsozialist wurde, der auch nicht vor rigorosen Methoden gegenüber Andersdenkenden sowie entwürdigenden Maßnahmen zurückschreckte. Um kommunale, soziale und wirtschaftliche Belange kümmerte er sich als Bürgermeister intensiv und versuchte die Stadt zumindest organisatorisch über die schwierigen Kriegsjahre zu führen. Gleichzeit wiederholte er stetig Parolen der Nationalsozialisten, ließ politische Gegner inhaftieren und ins KZ-Dachau überstellen. Auf der Grundlage der Ergebnisse von Alfred Breisl konnten die Aussagen zu Bastianelli mit Bildern der Zeit unterlegt werden.
Besonders eindringlich zeigt die von Anneliese Wittkowski sehr sorgfältig recherchierte Haarschneideaktion vom November 1940 den Bürgermeister als fanatischen Vertreter des Systems. Vor 600 bis 800 Zuschauerinnen und Zuschauern wurden auf dem Marienplatz zunächst zwei Frauen, die eine Beziehung französischen Kriegsgefangenen hatten, öffentlich gedemütigt, indem ihnen die Haare geschoren wurden. Angestachelt durch die aufgeregte Menge eskalierte die Situation für die Frauen nochmals, indem sie von der Menge, aufgefordert von Bastianelli, angespuckt und mit Dreck beworfen wurden. Betroffen war auch die 17jährige Nichte einer der Frauen, deren „Verbrechen“ es war, von der Situation gewusst zu haben. Bastianelli verfügte, dass auch ihr diese öffentliche Demütigung angetan werden sollte. Die Frauen wurde zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt, die Nichte zu 8 Monaten. Nach Kriegsende zeigte Bastianelli keinerlei Schuldbewusstsein. In den Gerichtsverfahren, das die Frauen 1948 angestrengt hatten, stellte er sich als jemand dar, der stets an „gute Ziele“ geglaubt habe und behauptete, durch sein Verbleiben im Amt Schlimmeres verhindert zu haben. Der Nachruf nach seinem Tod im Jahr 1972 zeichnete ein stark geschöntes Bild und blendete seine Verantwortung weitgehend aus.
Im Mittelpunkt des zweiten Teil des Abends stand das Schicksal der jüdischen, aus Polen stammenden Familie Spatz, die seit 1920 in Bad Aibling lebte. Die Familie trat im öffentlichen Leben der Stadt nicht in Erscheinung. Sie war stets darum bemüht, nicht aufzufallen. Der Vater starb im April 1938 in Bad Aibling. Er wurde im israelitischen Friedhof in München begraben, weil dies in Aibling nicht möglich war. Sohn Heinrich ging nach Abschluss der Schule zur Ausbildung nach München. Er war in verschiedenen Bereichen beruflich tätig, meist als Handlungsreisender. 1935 wurde er nach Polen ausgewiesen, eingestuft als „politischer“. Die Gründe dafür sind nicht leicht nachzuvollziehen. Man wollte ihn als Juden und polnischen Staatsbürger einfach loswerden, obwohl ihm sogar amtlich attestiert wurde, dass es dafür keine ausreichenden Gründe gebe. Sein weiteres Schicksal ist weitgehend nicht nachvollziehbar. Es ist aufgrund weiterer Hinweise aber durchaus möglich, dass er, sicher gezwungenermaßen als Soldat in der deutschen Wehrmacht 1943 in Russland gefallen ist.
1938 wurde Rosa Spatz nach 18 Jahren im Zuge der sog. Polenaktion aus Bad Aibling ausgewiesen. Dieses Schicksal traf sie gemeinsam mit ihrer Tochter Regina, die bereits seit 1930 in München wohnte und hier ihre Ausbildung absolvierte. Regina Spatz war hochschwanger und sollte ihrem zukünftigen Mann Leon Blechner nach New York folgen. Rosa Spatz wurde auf Anweisung von Bastianelli aus ihrer Wohnung abgeholt und in die JVA München zur Ausweisung nach Polen gebracht. Dort traf sie auf ihre Tochter. Beide wurden überraschend am nächsten Tag freigelassen. Ein Grund war vielleicht die hochschwangere, bereits von Wehen geplagte Regina. Wie die beiden Frauen in München überlebten und wer sie unterstütze, werden wir nicht mehr erfahren. Rosa Spatz folgte ihrem Sohn Heinrich im August 1939 nach Polen. Da verliert sich ihre Spur. Es ist sehr gut möglich, das sie ein Opfer der Shoa wurde, aber das ist letztlich auch nach umfangreichen Recherchen nicht belegbar. Regina Spatz gelang es noch im November 1939 mit Sohn Gerry nach New York auszuwandern und ihren Partner Leon Blechner zu heiraten. Sie starb 1979.
Besonders bewegend war die Rückmeldung der heute in Amerika lebenden Nachkommen: Sie zeigten sich tief berührt davon, dass das Schicksal ihrer Familie in Bad Aibling recherchiert, erzählt und nicht vergessen wird. Alle Bilder der Familie stammen von Antony Blechner, dem Neffen von Regina Spatz-Blechner, der sie bereitwillig zur Verfügung gestellt hat.
Der Abend machte deutlich, dass Nationalsozialismus nicht nur eine abstrakte historische Epoche war, sondern sich ganz konkret in einer Stadt, in Ämtern, auf öffentlichen Plätzen und in zerstörten Lebensläufen manifestierte. Die intensive Beschäftigung mit diesen Geschichten ist ein zentraler Bestandteil der Max Mannheimer Kulturtage – und ein wichtiger Beitrag zu einer lebendigen Erinnerungskultur: Erinnern heißt Verantwortung übernehmen.







